Vom Individualisten zum Herdentier

V / Als wir gestern von unserem langen Ausflug nach Putre zurückkamen haben wir schön gelacht. Am Samstag, beim Kabinenbezug, waren wir gelinde gesagt nicht so erfreut über den Zustand unserer Behausung für die nächsten vier Wochen. Der Teppich war in Balkonnähe voller Flecken. Wir haben zwar die vielen redlichen Bemühungen zur Fleckenentfernung gesehen aber so richtig toll sah das nicht aus. Statt blau war der Teppich von dunkelweiss, mittelweiss bis hellweiss alles. Nur nicht blau. Und der Teppich ist nun mal blau. Die haben sicher 10 Liter Javelwasser über die Flecken geschüttet. In der Hoffnung, die Flecken verschwinden dann. Vermute ich mal. Auch konnte man ein Schränkchen nicht mehr schliessen. Keine Ahnung, was unsere Vorbewohner in der Kabine alles so gemacht haben. Man will es eigentlich auch gar nicht  genau wissen. Pem, unsere Zimmerverantwortliche, kam dann angeeilt und ich deutete nur stumm auf den Teppich und den Schrank und Pem verstand, dass ich so nicht very happy bin. Und gestern, als wir völlig k.o. von unserem Ausflug zurückkamen mussten wir eben sehr lachen. Die haben doch tatsächlich einfach das Stück Teppich rausgeschnitten und ein neues Stück Teppich reingeklebt. Jetzt haben wir hellblau und dunkelblau. Wahrscheinlich haben wir jetzt eine Designerkabine. Auf die Reparatur des Schränkchen warte ich noch, werde aber stündlich darüber informiert, wie der Stand der Dinge ist. Na ja, für mich ist ein Scharnier ein Scharnier. Und das kann man einfach wechseln. Aber vielleicht sehe ich das zu einfach.  Aber das nur nebenbei.

Eigentlich sind wir ja auf Reisen. Und da muss ich ja auch mal vorwärts kommen.

Die Ankunft in Lima war plangemäss und die Behörden liessen uns anstandslos einwandern. Das Country Club Lima Hotel ist superschön und nach einer halben Nacht nehmen wir die Eroberung der Stadt in Angriff. Lima im November sieht aus wie Zürich im November. Grau, aber viel feuchter. Das hat mit dem Pazifik zu tun. Die Sonne wird hier erst im Dezember zurückerwartet. So laufen wir Richtung Meer und der Verkehr und das Gehupe machen mich etwas gaga. Der Meerpromenade entlang ist es aber schön und ruhig.  Ausser Mittag- und Abendessen haben wir nicht viel gemacht. Man muss ja zuerst einmal ankommen. Am nächsten Tag Stadtrundfahrt. Für 35 Minuten Kathedrale samt Hauptplatz besuchen standen wir 3,5 Stunden im Stau. Die Menschen hier brauchen keine Wohnungen. Wenn sie nach der Arbeit endlich zuhause angekommen sind, können sie gleich wieder los um am Morgen pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen. Und das war es eigentlich schon von Lima. Ausser, dass die Menschen hier total freundlich und hilfsbereit sind. Auch wenn wir uns sprachlich nicht immer verstehen, wir haben uns immer verstanden.

Sehr früh am nächsten Tag mutieren wir zum Herdentier und unser Schäferhund heisst Marisol. Sie wird uns möglichst vollzählig nach Cusco bringen. Die Herde umfasst 32 Schafe und wir werden in zwei Gruppen zu je 16 aufgeteilt. Also sehr übersichtlich.

Ausser einem Ehepaar aus der Schweiz mit einer Riesentasche hatten alle nur Handgepäck dabei. Reicht ja auch für zwei Nächte. Aber die Tasche musste natürlich eingecheckt werden. Und man glaubt es nicht, jetzt checkten alle ausser Marisol und Steineggers ihr Handgepäck auch ein. Und Lima Airport ist sehr busy. Marisol schaute mich verzweifelt an, ich zuckte nur ergeben mit den Schultern und meinte, Herdenverhalten. Aber der Flug nach Cusco glückte und Marisol übergab uns an unsere Tourguides. Wir bekommen Eddie und Eddie ist ein Glücksfall. Und dann muss ich dazu noch sagen, Cusco liegt auf rund 3500 Metern und gestartet sind wir auf Meereshöhe. So beobachtet uns Eddie sehr genau, denn wir sind ja alle nicht mehr sehr jugendlich und wies uns drauf hin, bei Kopfweh sich sofort zu melden. Und Wasser trinken, Wasser trinken und Wasser trinken. Wir überstehen dann den Lunch, eine unglaubliche Kathedrale und noch ein paar Sachen mehr unbeschadet und beziehen unser Quartier. Da waren wir alle von den Socken. Ein umgebautes Kloster. Total abgefahren, das kann man gar nicht beschreiben. Abendessen mit einer Liveband, also einer Opernsängerin und zwei Gehilfen. Da konnte man sich zwar nicht mehr so gut unterhalten. Aber das war egal, die Höhe hat uns alle sehr müde gemacht.

Am nächsten Tag dann ab auf den wundervollen Zug nach Aguas Caliente. Den Hiram Bingham. Mit Barwagen, offenem Aussichtswagen, wieder Livemusik, diese Mal viel moderner und hervorragendem Essen. Leider hat die Fahrt nur 3,5 Stunden gedauert. Immerhin konnten wir 1000 Höhenmeter wieder hinunter. Busfahrt zum Machu Picchu und dann haben wir Eddie in Höchstform erlebt. Er liebt jeden Stein dort und es hat sehr viele davon. Er erklärte uns auch fast alle. Der Blick am Anfang der Tour über die ganze Anlage ist unglaublich. Die Inkas konnten bauen. Bei uns fallen Häuser ja manchmal schon nach 50 Jahren um.

Am Schluss der vierstündigen Wanderung waren wir k.o. Eine weitere Zug- und Busfahrt bringen uns dann wieder 1000 Meter höher nach Cusco in unser Klosterhotel. Aperitif vor einem brennenden Kamin. Also das Holz hat gebrannt, nicht der Kamin und wahrscheinlich  haben wir auch noch gegessen. Ich erinnere mich nicht mehr.

Frühes Aufstehen am nächsten Tag und Flug zurück nach Lima. Wieder auf Meereshöhe. Die Meereshöhe brauchen wir nämlich. Also, vor allem unser Schiff, denn die Seven Seas Mariner hätte sonst Probleme. Und Marisol hat ihre Herde vollzählig zurückgebracht. Grosses Aufatmen. Obwohl, wir sehen das nicht so eng. Ein bisschen Schwund ist immer.

Und jetzt beginnt die Cruise. Ich bin allerdings schon eine Woche weiter als Ihr. Aber hier kommt man zu nichts. Hier wird man auf Trab gehalten.

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