Es hat sich ausgemadamt ……

V / Ich bin schon wieder zwei Wochen zuhause, na ja, mehr oder weniger und schulde Euch noch den letzten Abschnitt unserer Reise. Und bevor es wieder ausufert, hier die Kurzfassung. Aber ich muss zuerst die Zettel finden, wo draufsteht wo ich war und was ich da gemacht habe. Und Rémy’s Blog finden. Er ist irgendwie besser organisiert als ich!  Und das Schiff ist auch besser organisiert. Die schicken dir tonnenweise Papier in die Kabine. Was du am nächsten Tag machen musst, wo du essen sollst, das Programm, was hier so abgefeiert wird  und unglaublich viele Sachen mehr. Ich habe mir mal  gedacht, wenn das Schiff sinkt, sinkt es wegen diesen Papierbergen. Aber Rémy hat mich beruhigt und gesagt, das Papier ist schon hier und wird nur noch bedruckt. O.K., unterdessen weiss ich ja auch, wie eine Schwimmweste funktioniert. Ich schweife schon wieder ab.

Also, in Buenos Aires sind wir gestern angekommen  und fahren da heute auch wieder ab, da wir noch ein paar Tage bis Rio de Janeiro dazu gebucht haben. Leider hat sich ein grosser Teil „meiner Familie“ schon gestern verabschiedet. Es war ihr letzter Tag an Bord. Und als ich abends aus Buenos Aires zurückkam, sass in meinem Wohnzimmer eine neue Familie. Die war aber auch absolut O.K. Man muss sich einfach erst mal kennenlernen und die Regeln erklären. Für mich gilt:

Sprich! Mich! Die! Erste! Stunde! Des! Tages! Nicht! An!!!

Das hat dann für den Rest der Reise wunderbar funktioniert.

So verlassen wir Buenos Aires und es geht wieder zurück nach Montevideo. Da waren wir vor drei Tagen zwar schon aber wir haben viele neue Gäste an Bord und die wollen Montevideo auch sehen. Und schliesslich müssen wir ja auch wieder Kurs aufs offene Meer nehmen. Rémy besucht irgend ein Kulturerbe und mein Ausflug auf eine Estancia wurde ohne Kommentar gestrichen. Dabei wollte ich unbedingt mal Schafe scheren, Kühe melken, Kartoffeln und Gemüse ausgraben, den Stall putzen und ein paar Rinder einfangen und auf den Grill werfen! Man gönnt mir keine Herausforderung oder ich war die einzige, die diesen wagemutigen Ausflug gebucht hat. Ich trage es mit Fassung und denke. Dabei kommt mir Rio de Janeiro in den Sinn, ist zwar noch ein paar Tage bis dahin, aber was machen wir dort? Ich stelle es mir relativ unpraktisch vor, mit einem grossen Koffer rechts und dem Handgepäck links durch die Stadt zu rollen. Und wir haben in Rio acht Stunden zu überbrücken und die will ich nicht unbedingt auf dem Flughafen verbringen.  Aber Internet weiss Rat. So habe ich mich in ein Forum eingeloggt und bin immer wieder auf einen Frank gestossen. Kurzes Mail dahin mit unserem Zeitrahmen und unseren Wünschen. Mail zurück, dass er persönlich zwar keine Zeit hat, aber Simon wird uns Volltrotteltouristen betreuen. Inklusive Gepäck.

Punta del Este/Uruguay. Da waren wir auch schon vor fünf Tagen. Die abenteuerliche Bike Tour findet ohne uns statt. Viel zu früh! Aber es ist schön warm und so machen wir uns mutig alleine auf den Weg, haben auswärts gegessen, Poloshirt bekleckert und das Schiff auch ohne fremde Hilfe wieder gefunden.

Rio Grande/Brasilien: Tönt vom Namen her schön, aber ihr müsst da nicht hin. Da ist nichts, absolut nichts. Keine Ahnung warum wir da sind. Wahrscheinlich der Papierkrieg mit der Einwanderung nach Brasilien. Der Ausflug dauert 3 Stunden. Da haben wir alle noch gemurrt und verstehen nicht, warum so kurz. Aber nach 20 Minuten wollten wir nichts mehr so sehr, wie zurück auf unsere Mariner. Unsere Reiseleiterin ist aber grosse Klasse und sie erklärt uns dieses Nichts dermassen ausführlich, dass wir am Schluss nicht mehr wissen, ob wir von diesem Ort, der Hitze oder den Ausführungen der Reiseleiterin K.O. sind.

Nach einem weiteren, nun dringend benötigten Seetag erreichen wir Porto Belo/Brasilien. In rasantem Tempo haben wir Porto Belo abgehakt. Dabei wäre es nach der Gondelfahrt auf einen Berg hoch und dann natürlich auch wieder runter zu einem wunderbaren Strand mit wunderbaren Restaurants so schön gemütlich gewesen. Aber wir sind mit Verspätung gestartet. Nicht unser Verschulden, der Tender konnte nicht anlegen und diese Verspätung müssen wir nun aufholen. Und dann haben wir ausser der Reiseleiterin noch eine vollkommen verblödete, attraktive junge Frau von der Reederei dabei, die uns regelrecht in den Senkel stellt, und das sehr, sehr unhöflich und arrogant. Und das nur, weil wir alle mit diesem Ausflug nicht zufrieden sind. Wir sind sprachlos. Regent behandelt seine Gäste nicht so! Und nach den vielen Reklamationen abends über das nette Girl beim Touristikmanager nehme ich an, sie druckt nun wieder irgendwelche Ausflugstickets aus. Und das ganz, ganz weit unten im Schiff. Jedenfalls habe ich sie nie mehr gesehen.

Santos/Brasilien. Ich habe Sao Paulo gebucht. Rémy will baden. Schon im Hafen ein gigantisches Gewusel. Fünf Kreuzfahrtschiffe liegen da. Und gegen die ist unsere Mariner einfach nur klein. So werden wir mit Bus im Hafengelände herumgefahren, dann umsteigen auf den Bus nach Sao Paulo. Sie wollen mir sogar einen persönlichen Begleiter zur Seite stellen, damit ich den richtigen Bus auch finde. Aber lesen kann ich noch auch wenn ich heute alleinstehend bin. Ist ja alles angeschrieben. Der Bus ist sehr komfortabel und unser Reiseleiter hat mir von Anfang an total gefallen. So quälen wir uns dann verkehrsmässig aus Santos heraus und nach ein paar kleinen Siedlungen ist  es einfach von jetzt auf sofort grün. Wir sind im atlantischen Regenwald! Ich wusste nicht mal was von diesem Regenwald. Total faszinierend. Ich war noch nie in einem Regenwald wo zwei Autobahnen durchgehen, aber kein einziges Gebäude steht. Es ist hier absolut verboten auch nur zwei Steine übereinander zu schichten. Eine Autobahn führt zum Meer und die andere eben nach Sao Paulo. Die Stadtrundfahrt dort ist sehr interessant und der Chauffeur ein Genie. Der hat uns völlig unbeschadet durch Gassen gebracht, da hätte ich mich mit meinem kleinen Polo gefürchtet. Und Sao Paulo hat eine gotische Kathedrale mit Kuppelbau in der Mitte. Habe ich noch nie gesehen. Sehr eindrücklich. Das Elend liegt dann überall um diese Kathedrale herum. Obdachlose, soweit das Auge reicht. Drogen. Müll, Armut und was sonst noch zu diesem Lebensschema gehört. Die grossen Probleme dieser Stadt. Dann die Pinakothek, was für ein wundervoller Bau. Alt und N

eu in perfekter Harmonie. Ich bin begeistert. Die Obdachlosen die rundherum im Park liegen haben allerdings nichts davon. Einer davon will dann das Gelände der Pinakothek betreten. Es folgt eine grosse Diskussion zwischen diesem Obdachlosen und der Security. Die Security ist überall wo sich Touristen aufhalten sehr präsent. Und ich muss sagen, der Sicherheitsdienst hat sich absolut korrekt verhalten, nicht laut und nicht „Wir sind die Besseren“! Ich habe dem Mann dann trotzdem zwei Dollar gegeben, worauf der Reiseleiter meint, Vreni das darfst du nicht machen. Der investiert das sofort in Drogen. Na und? Ich darf ja auch machen was ich will.

Mittagessen ist dann in einem lauschigen, sehr intimen Restaurant. Ca. 300 Plätze. Aber das Buffet war ganz, ganz  grosses Kino. Ich bestelle mir dann noch ein Glas Wein, à go go sind nur Softdrinks. Als ich den sofort bezahlen will, sagt der Weinkellner, das müssen sie dann irgendwann da hinten machen. Brav wackle ich eine geraume Zeit später dorthin und zeige die Quittung dann umgehend dem Weinkellner. Da hat er mir liebevoll seine Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: Madam, we trust in you! Und genau das macht Reisen für mich aus. Diese unerwarteten Begegnungen, immer nur Kleinigkeiten aber am Schluss immer das, was in deinem Herzen bleibt.

Danach sehen wir noch was weiss ich was alles und machen uns dann auf den Heimweg zurück nach Santos. Der Regenwald macht seinem Namen alle Ehre. Es regnet und regnet und bei dem Nebel hätte ich nichts mehr gesehen. Unser Chauffeur bleibt cool, wird aber dann kurz vor Santos jäh vom Verkehr gestoppt. Wir stehen dann so eine halbe Stunde tatenlos herum, bevor es ihm zu blöde wird. Nächste Ausfahrt raus. Wir fahren ein gutes Stück Autobahn wieder zurück und greifen den Hafen von Santos von der anderen Seite aus an. Und das war toll. Ein unendlich langer, wunderschöner Strand, immer mit viel Grün davor und unzählige kleine Restaurants und viel fröhlichem Treiben. Wir wären so gerne ausgestiegen um uns dort noch etwas zu vergnügen. Denn das Schiff sehen wir gegenüber fast immer, also ist es noch nicht abgefahren. Aber wir sind schon drei Stunden über unserem Zeitlimit und unser Reiseleiter und  Manuel, der Chauffeur sind nach diesen gut elf Stunden auch froh, wenn sie uns dort gesund und munter wieder abliefern können. Es war ein sehr eindrücklicher Tag!

Paraty/Brasilien: Ich habe mir frei genommen, bin noch k.o. von gestern und kann leider nichts zu Paraty sagen.

Ilha Grande/Brasilien: Mit einem Schoner durchs Wasser getuckert und es ist sehr heiss. Rémy hat dann gebadet und anschliessend haben wir direkt am Strand eine nette Kneipe gefunden um etwas zu essen. Allerdings hat so gewindet, dass wir die Attacken der herumfliegenden Sonnenschirme immer genau beobachten mussten. Wir wollen nicht in die Schlagzeilen der Schweizer Presse kommen: Schweizer Ehepaar in Brasilien von Sonnenschirm erschlagen. Sie hinterlassen zwei Katzen!

Buzios/Brasilien: Beaches of Buzios by Trolley. Wir haben alle Strände von Buzios besichtigt und das in einem sogenannten Trolley. Das ist eigentlich ein Bus, der oben einfach abgeschnitten ist und du hockst openair. Immerhin mit Dach. Ich wusste allerdings bei der Buchung dieses Ausflugs nicht, dass die Beinfreiheit extrem limitiert ist. Economy Class in einem Flieger fühlt sich gegen diesen Bus an wie Business Class an. Ich habe jetzt noch blaue Flecken um meine Knie. Die Reiseleiterin war dann währen dem ganzen Ausflug einfach nur eine blöde Kuh und als ich mich weigere, für den letzten Strand nochmals mühsam auszusteigen, hat die mich sowas von angemacht. Hallo, Strand ist Strand und besteht aus Sand. Rémy bringt mir nette Fotos und ich kann dann ungefähr erahnen, was ich da verpasst habe! Dafür haben wir anschliessend im erweiterten Hafengelände wundervoll gegessen und auch wundervoll getrunken.

Ja, und was macht man den letzten Abend auf einem Schiff? Kofferpacken. Unsere ganze Wäsche wurde gestern durchgewaschen und gebügelt  und intelligent wie wir sind haben wir alles schon zusammengefaltet bestellt. Es hat schon was, wenn man freien Wäscheservice hat.

Rio de Janeiro/Brasilien: Na ja, ich kann es nicht ändern, aber die wollen uns hier auf dem Schiff nach 09.00 Uhr nicht mehr sehen. Die Kabinen und auch sonst alles muss geputzt werden, denn die neuen Passagiere scharren schon mit den Hufen. Und jetzt hat es sich einfach ausgemadamt. Ich heisse wieder Vreni Steinegger, bisher war ich 31 Tage immer Madam, und kann nun selber gucken, wo Rémy und ich bleiben. Aber Simon, der von Frank geschickte Stellvertreter kommt uns auf die Sekunde pünktlich am Hafenausgang abholen. Und kennt uns auch sofort, er hat uns gegoogelt.

Vorher sind wir allerdings noch in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, ungewaschen und unzähnegeputzt, um die Einfahrt in den Hafen von Rio nicht zu verpassen. Ich hätte Rémy allerdings umbringen können, als er mich geweckt hat. Es war ungefähr 06.00 Uhr und gestern hatten wir noch einige Verabschiedungsdrinks. Ihr versteht?

Die Stunden in Rio sind phantastisch. Simon hat uns sein Rio gezeigt, bis ich mal gesagt habe: Lieber Simon, ich will keinen Wald mehr sehen und auch noch durchschreiten. Und ich will keine Aussicht mehr sehen. Ich will einfach nur hier sitzen. Und auch sonst nichts mehr. Ich bin am Ende. Auch kann ich schon um 10.00 Uhr Aperif trinken. Denn meine Vorgaben sind sehr einfach. Fahr uns ein bisschen herum, dann Aperitif und irgendwo in einer netten Strandkneipe, möglichst mit Fisch und Meeresungeheuern essen und um ca. 16.00 Uhr möchten wir am Flugplatz abgeladen werden. Rémy hat dann noch einige Programmpunkte mitgemacht und ich bin einfach nur irgendwo im Schatten sitzengeblieben. So habe ich auch immer etwas Zeit um zu reflektieren, was in diesen fünf Wochen so alles abgelaufen ist.

Mein Fazit über Südamerika:

-Grandiose Landschaft, egal ob Wüste oder Grün.

-Es war anstrengender als ich gedacht habe. Oder ich werde einfach älter!

-Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen war immer unglaublich! Und verhandeln konnte man immer. Und alle haben dir weitergeholfen. Sprachbarriere hin oder her.

-Ich habe den Wind völlig unterschätzt. Habe zwar vorgängig alle Temperaturtabellen der Länder die wir besuchten gelesen, aber das mit dem Wind habe ich nicht gecheckt. Manchmal hatte ich auch vier Schichten Kleidung an und doch das Gefühl, ich erfriere in den nächsten fünf Minuten umgehend!

-So viele, manchmal auch nur flüchtige Begegnungen mit Menschen, die ich zwar wahrscheinlich nie mehr sehen werde, aber sie haben mein Leben sehr bereichert.

-Es war wunderschön, wieder mit Rémy zu reisen, denn wir sind nach knapp vierzig Jahren unterdessen doch soweit, dass jeder die Befindlichkeit des anderen respektiert. Und die Befindlichkeiten müssen ja nicht zwingend immer dieselben sein.

Und nach einem sehr einheimischen Lokalbesuch für Aperitif, Hatte Simon dann sein Einsehen mit mir, fährt er uns anschliessend in ein direkt am Strand liegendes Fischrestaurant. Wetter umwerfend, das Essen ist super und Simon kann sich die Reste dann noch einpacken lassen. Und freut sich riesig darüber, vor allem für seine Frau. Nix kochen heute Abend, obwohl wir das Essen auf Anraten nur für zwei bestellt haben und Simon ja auch mitgegessen hat. Brasilianer essen unglaubliche Portionen, man sieht es ihnen auch an!  Und weggeschmissen wird hier gar nichts. Es geht den Brasilianern, auch den eingewanderten nicht gerade optimal. Wir haben dann noch eine Flasche Weisswein und eine Flasche Champagner für ihn. Gaben des Schiffes. Obwohl ich nicht verstehe, warum. Die stellen dir einfach was in die Kabine und du hast keine Ahnung warum. Denn ich kann mir zu jeder Zeit und immer bestellen was ich will. All inclusive!

Simon liefert uns dann pünktlich am Flughafen Rio GIG ab und das ganze Prozedere Einchecken ist völlig stresslos. Rémy hat dann bis Frankfurt eigentlich durchgeschlafen. Nicht mal Frühstück will er. Das Hüpferchen Frankfurt-Mailand  ist kein Problem und da stehen wir dann wartend auf unseren Bus und wollen wieder dort sein, wo wir gestern um diese Zeit waren. Es ist hier wirklich unglaublich grau und nass!

So wünschen wir Euch allen ein möglichst glückliches, zufriedenes und friedvolles Jahr. Man soll die Hoffnung nie aufgeben. Es könnte ja klappen! Vielleicht…..

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